Statement von Generation Adefra zum Cutie BIPoC Festival Juli 2019 in Berlin (dt.)

by Maisha Auma
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1) Auf dem Abschlussplenum des letzten Cutie BIPoC Festivals wurde über verschiedene Vorfälle von Anti-Blackness in unseren Cutie BIPoC Räumen diskutiert und der fehlende kollektive Umgang damit, auch in Bezug auf das vorangegangene Festival in Kopenhagen (2017). Die Kritik wurde maßgeblich von Cuties afrikanischer Herkunft artikuliert, die ihre nachhaltige Erschütterung im mangelnden Umgang mit Anti-Blackness in unseren Cutie BIPoC Räumen zum Ausdruck gebracht haben. Wir sind dabei von unterschiedlichen Organisator*innen angesprochen worden, unsere über 30jährige kollektive Erfahrung im Umgang mit Anti-Blackness und dem konstruktiven Konfliktaushandeln in Cutie BIPoC Räumen stärker in die Organisation des nächsten Festivals einzubringen. Diese Gespräche liefen kollegial und solidarisch. Wir waren daher sehr offen für den konkreten Vorschlag beim nächsten Cutie BIPoC Festival in Berlin uns vor allem bei der Programm- und Workshop-Gestaltung einzubringen.

 

2) Seit dem letzten Berlin-Festival im Sommer 2018 hat sich Einiges entscheidend verändert. Dabei kam es zu mehreren Eskalationen innerhalb der Cutie-BIPoC Gemeinschaft in Berlin. Es geht um grenzverletzendes und gewaltförmiges sexualisiertes Verhalten in sexuellen Situationen und Interaktionen. Diese Grenzverletzungen sind wiederholt passiert. Sie sind in sex-positiven Cutie-BIPoC Räumen (Bound-Festival und private post-festival-Räumen) passiert. Sie haben uns alle nachhaltig erschüttert und verunsichert. Wir als Generation Adefra haben von all dem erst davon erfahren, nachdem diese Grenzverletzungen passiert sind. Wir wurden konkret angefragt, ob wie uns gerade mit Blick auf „den Umgang mit Anti-Blackness in Cutie BIPoC Räumen“ an der Accountability Gruppe zu diesen Grenzverletzungen beteiligen. Wir haben uns entschieden, dass wir zu Dritt von Generation Adefra in den Accountability Prozess einsteigen und unsere machtkritische Perspektive auf Anti-Blackness in einer kollektiven Accountability in den Prozess dieser Gruppe  einzubringen.

 

3) Diese Accountability Gruppe hat von Oktober 2018 bis Juni 2019 intensiv und dabei auch äußerst konfliktreich und reibungsintensiv gearbeitet. Wir haben mit den Mitteln, die uns zur Verfügung stehen, versucht, die komplexe Lage, so gut es möglich war, zu deeskalieren und zu sichern. Es gibt sehr viel Kritik an der Arbeit der Accountability Gruppe. Einiges von der Kritik können wir nachvollziehen. Die Kritik war in Teilen direkt gegen ADEFRA in einer Art und Weise, die uns wiederrum nachhaltig schockiert hat, geäußert. Die Kritik empfanden wir als wenig miteinander und nicht empathisch, sondern beschuldigend und destruktiv. Zum Teil wurden auch einzelne Akteur*innen unserer Gruppe anonym kritisiert. Das finden wir nicht konstruktiv. Die Situation hat sich für uns nunmehr so zugespitzt, dass wir als Generation Adefra angegriffen, verunglimpft und beschimpft werden. Dies erfolgt vor allem unoffen und wird uns oftmals über Dritte zugetragen. Unter solch einem Umstand können unserer Erfahrung nach keine konstruktiven Auseinandersetzungen und Konfliktklärungen erfolgen.

 

4) Daher unsere Entscheidung: Wir haben uns nach langer Überlegung und im Austausch mit dem Orga-Team entschlossen, keine der o.g. Aufgaben beim CutieBIPoC Festivals 2019 zu übernehmen. Uns fehlt der notwendige Rückhalt dazu. Es gäbe viel mehr zu jedem Punkt zu sagen. Wir halten es jedoch nicht für sinnvoll, dies in einem unbestimmten, offenen Forum zu tun. Wir bestehen seit über 30 Jahren als Schwarzes Queeres feministisches Frauen* Kollektiv. Das war uns möglich, weil wir unsere Eigenständigkeit wahren und uns entscheiden, unter welchen Umständen wir uns engagieren. Wir sind Teil dieser CutieBIPoc Community und bewegen uns weiterhin solidarisch in unseren Räumen und werden uns auch dieses Jahr am Festival als Teilnehmende beteiligen.

 

Solidarische Grüße. 

 

Team Generation Adefra 

 

Statement from Generation Adefra to Cutie BIPoC Festival July 2019 in Berlin (english)

 

1) There was an important discussion about Anti-Blackness in Cutie-BIPoC contexts, during the final plenum of the last Cutie-BIPoC Festival in Berlin (2018). References were also made to the Copenhagen Cutie-BIPoC Festival (2017). A need was articulated to find more constructive ways of addressing and working through pervasive Anti-Blackness. This critique was voiced mostly by Cutie-BIPoCs-of-African-Heritage. Our Black Feminist* Collective Adefra was approached by several organizers, who inquired on whether we would be willing to contribute to this specific process, by using our expertise emerging from over 30 years of organizational work. We were asked to contribute to this year’s (2019) Festival. All conversations around this participation were grounded in solidarity. We felt confident, that we would be able to engage in a constructive way.

 

2) Things however took a significant turn since Fall of 2018. There have been a series of escalating interactions within the Cutie-BIPoC Communities in Berlin. These have been set off by non-consensual, aggressing, violent, sexualized ways of behaving and interacting. These violent interactions and acts were carried out repeatedly. They happened in sex-positive Cutie-BIPoC Spaces (BOUND-Festival and private post-festival spaces). These acts and their Afterlives have shaken us all to the core. Our Collective Generation Adefra only found out about these acts of sexualized violence after they had happened. We were asked to join an Accountability group, because we have expertise in dealing with complex conflicts especially with regard to Anti-Blackness. Three of us from Adefra then became a part of an Accountability process. Our power-critical, intersectional critical race perspective is what we brought to the ‘queer-kitchen-table’.

 

3) This Accountability group worked very intensely and with many conflicts from October 2018 to June 2019. We tried to use all and any resources available to each of us, trying to deescalate and to stabilize the situation, without involving mainstream policing and legal systems. We tried to attend to the integrity of the process as best we knew how. There has been a great deal of criticism brought towards us as a group. Some members of the group were singled out and criticized anonymously. Some of the criticism makes sense to us, much of it does not. We have experienced enormous hostility towards us as Adefra. This has shocked us greatly. We found the criticism towards us to be lacking in empathy. We found it to be accusatory and destructive in character. The situation has devolved to a level at which our collective feels like we are being singled out and targeted. We hear unkind criticism towards us through third persons, in very different spaces. It does not make sense for us to engage in the facilitation of the Festival, in such an atmosphere where there is no direct and empathetic critique.

 

4) We have therefore come to following decision: After a long period of deliberation, we have decided not to take part in the organizing of this years Festival. There would be a great deal to say to each point we have made here. It does not make sense for us to do this in an open and anonymous forum. We will not facilitate any workshops. We do not have the necessary support to do so. We have survived over 30 years as a Black queer Feminist* Collective. This was possible due to clarity about when and where and under which circumstances it furthers our cause and our wellbeing - or harms our cause and wellbeing to become involved. We have decided to acknowledge our autonomy. We are a part of the Cutie-BIPoC Communities in Berlin and will as such engage as participants, in a constructive way in this year’s festival.

 

In Solidarity.

 

TeamGenerationAdefra

 

Happy Transnational Day Against Racism Powerful People! : Statement zum Abschluss des Berliner Konsultationsprozesses 'UN Dekade Black Berlin 2018'

by Maisha Auma
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 Wie viel Exklusion können sich unsere öffentlichen Institutionen in einer pluraler werdenden Gesellschaft leisten?

- Ein Statement des wissenschaftlichen Teams ‚DiversifyMatters’, eine Fachgruppe der Schwarzen Feministischen Selbstorganisation Generation Adefra, zum abgeschlossenen Konsultationsprozess „Die Sichtbarmachung der Diskriminierung und sozialen Resilienz von Menschen afrikanischer Herkunft“, im Rahmen der UN Dekade für Menschen afrikanischer Herkunft 2015-2024.  

Das wissenschaftliche Team ‚DiversifyMatters’@Generation Adefra: Prof. Dr. Maureen Maisha Auma, Katja Kinder und Peggy Piesche.  

„Setzen Sie sich gemeinsam mit uns für eine rassismuskritische Gesellschaft ein!“ 

Foto Credits @ Deborah Moses-Sanks

Der durch die Senatsverwaltung für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung und der dort angesiedelten  Landesstelle für Gleichbehandlung und gegen Diskriminierung (LADS), initiierte konsultative Prozess zur Sichtbarmachung der Diskriminierung von Berliner*innen afrikanischer Herkunft wurde im vergangenen Jahr 2018 von unserem wissenschaftlichen Team durchgeführt. Unsere Schwarze feministische Selbstorganisation besteht als Initiative seit Mitte der Achtziger Jahre. Unseren Zusammenhang verstehen wir als Ort der Stärkung von intersektional-feministisch inspirierten Kritiken und intersektional-rassismuskritischen Neugestaltungen von Gesellschaft. Unser Fokus besteht vor allem darin, die soziale Wirklichkeit auch in ihren transnationalen und globalisierten Dimensionen konsequent aus der Perspektive von ‚Feminist Africans’, von Akteur*innen afrikanischer Herkunft, die sich diskriminierungskritisch und gleichstellungsorientiert engagieren, zu (re-) formulieren. Von diesem Standpunkt aus haben wir die diversen Berliner Communities of African Heritage im letzten Jahr zu ihren Erfahrungen mit Formen der anti-schwarzen Dehumanisierung (Anti-Blackness) befragt. Zusammengetragen haben wir auf dieser Basis Fallvignetten aus allen Lebensbereichen, wie z.B. Bildung, Kultur, Gesundheit und Pflege, Wohnungs- und Arbeitsmarkt. Die Systematisierung dieser Fallvignetten nennen wir Diskriminierungsnarrative. Diese Berliner Geschichten geben Auskunft über die Gestalt und Muster, über die Allgegenwärtigkeit und Unentrinnbarkeit und schließlich über die verheerenden Folgen der systematischen Missachtung, Herabwürdigung, Abqualifizierung, die im Alltag erfahrenen Respektlosigkeiten und Verletzungen, die Berliner*innen afrikanischer Herkunft bewältigen müssen. Die Barrieren für Menschen afrikanischer Herkunft sind als enorm hoch einzuschätzen, in ihrem Bestreben, ein selbstbestimmtes Schwarzes Leben unter Bedingungen der Normalität von Rassismus zu führen.

Ziel des konsultativen Prozesses war es, eine fundierte Grundlage für die Konzipierung von Maßnahmen zu erarbeiten, die während der UN Dekade für Menschen afrikanischer Herkunft 2015-2024 umgesetzt oder wenigstens eingeleitet werden können.  Diese Maßnahmen orientieren sich daran, die Diskriminierung von Menschen afrikanischer Herkunft öffentlich zu thematisieren, sie greifbarer und dadurch veränderbar zu machen. Unerlässlich für diese Arbeit ist eine Bestandsaufnahme darüber, in welchen Lebensfeldern anti-schwarze Formen der Dehumanisierung besonders stark aufkommen. Hierzu gab es einige paradoxe Befunde: Der Bereich Bildung wurde als ein durch rassistisch und kolonialistisch geprägtes und durch historische Exklusionen strukturiertes Feld mehrfach genannt, zugleich wurde dieses Feld aber auch als der Schlüssel zur Erhöhung der Selbstbestimmung und der sukzessiven Realisierung von Anerkennung hervorgehoben. Berliner*innen afrikanischer Herkunft erleben erstaunlich geringe Barrieren dabei, Gesundheitsberufe – vor allem im Pflegebereich – zu ergreifen. Dies ist vor allem aufgrund des sehr hohen Personalbedarfs in diesem Bereich zu erklären. Die Alltagserfahrungen als Schwarze Professionelle, wie massive Abqualifizierungen, Missachtungserfahrungen und starke Herabwürdigungen im Berufsalltag, stehen jedoch im starken Kontrast zu diesem leichteren Zugang. Dazu kommt die Unthematisierbarkeit dieser tagtäglichen dehumanisierenden Erfahrungen. Die Arbeitsrealität Schwarzer Professioneller in Gesundheitsberufen wird damit strukturell unsichtbar, was sich wiederum auch in der vertikalen Repräsentanz und Anerkennung im Gesundheitswesen niederschlägt. Es fehlt eine gemeinsame diskriminierungskritische Sprache im Berufsalltag des Gesundheitswesens. In den meisten Gesundheitsinstitutionen gibt es keinen Begriff von marginalisierten, stigmatisierten Gruppen, die aufgrund ihres gesellschaftlich vulnerablen Status, Unterstützungsstrukturen und vor allem Möglichkeiten zur gemeinschaftlichen Solidarisierung und Entlastung brauchen. Zwischen der gegenwärtigen Realität rassistisch geprägter Alltagsstrukturen und dem Ziel als gleichberechtigte soziale Mitglieder der Gesellschaft quer durch alle Lebensfelder mit Respekt behandelt zu werden, liegen erhebliche Barrieren! Für die konstruktive Inblicknahme und den Abbau dieser Barrieren sind die öffentlichen Institutionen selbst zuständig! Die Realität sieht aber so aus, dass den Diskriminierten in Umkehrung die Beweislast aufgebürdet wird und sie damit im Endeffekt allein gelassen werden. 

Ein etwas tieferer Einblick ...

Menschen afrikanischer Herkunft im Berliner Bildungswesen:

Vor allem in der Institution Schule gehören Erfahrungen der verwehrten Anerkennung, starker Verletzungen und Missachtungen zu ‚normalen’ Vorkommnisse im Alltag für Kinder und Jugendliche afrikanischer Herkunft. Diese rassistisch geprägten Realitäten beginnen leider schon in Bildungsinstitutionen der frühkindlichen Bildung und Erziehung. Didaktische Materialien, Darstellungstechniken, Spielinhalte und Interaktionen, eingeübte Streit- und Konfliktschlichtungen wiesen in nicht unerheblichem Maße Bestandteile von dominanzgesellschaftlichen, rassistischen Hierarchien auf. Die Verantwortung, auf die darin enthaltenen Stigmatisierungen, Marginalisierungen, Dehumanisierungen und Exklusionen hinzuweisen, wurde dem rassistisch markierten Kind, dem Kind afrikanischer Herkunft, zugewiesen. Die Angehörigen von Kindern afrikanischer Herkunft wurden vielfach dazu gezwungen, nicht nur die erfahrene Diskriminierung als tatsächliche Diskriminierung plausibel begründen und erläutern zu müssen, sie bekamen zudem das Krisenmanagement aufgebürdet und wurden zusätzlich noch mit einem diffusen Bildungsauftrag belastet. Sie sollten Texte und Materialien vorschlagen/besorgen, um die Situation hinreichend zu bearbeiten. D.h. rassistisch markierte Kinder bzw. ihre Familien mussten zum einen den Bildungsauftrag der Institution übernehmen und zum anderen Nachweise der Legitimität ihrer erfahrenen Diskriminierung erbringen. Es kann daher von einer normalisierten Abwehr seitens vieler Berliner Bildungsinstitutionen gesprochen werden, die rassistisch geprägte Diskriminierungserfahrungen als allgemein konfliktgeprägte Verhandlungen auffassten und oftmals die Gründe für die erfahrene Diskriminierung  in dem Verhalten des diskriminierten Kindes zu suchen bemüht waren.

Menschen afrikanischer Herkunft im Berliner Gesundheitswesen und in Gesundheitsberufen:

Hier war es sehr erschreckend festzustellen, wie ungebrochen der Anteil von kolonialrassistischem Wissen im deutschen Gesundheitswissen weiterwirkt. Wir haben zahlreiche Berliner Geschichten von Menschen afrikanischer Herkunft gesammelt, denen in Berlin eine Blutspende verwehrt wurde mit dem Verweis auf ihre „Herkunft“. Das Blutspende Gesetz (Transfusionsgesetz) ist zwar schon diskriminierungskritisch überarbeitet worden, es benachteiligt dennoch disproportional unterschiedliche vulnerable Gruppen (sogenannte Risikogruppen). Menschen afrikanischer Herkunft zählen zu diesen stigmatisierten Gruppen, die sich faktisch mit ihren biogenen Anteilen nicht in die Solidargemeinschaft von Blutspender*innen einbringen dürfen. Schwarzes Leben und die Lebensorte Schwarzer Bevölkerungen werden im deutschen medizinischen Diskurs noch immer mit Gefährdung der öffentlichen Gesundheit und mit Verseuchungsgefahr in Verbindung gebracht. Der Aufenthalt oder das Aufwachsen in geopolitischen Räumen, die zu afrikanischen Gebieten/Gesellschaften gehören, werden zu Risiko- und faktisch zu Ausschlussfaktoren bei einer Blutspende stigmatisierend ausgelegt.  Dies wirkt als Grenzziehung und Exklusionszeichen an weiße Mitglieder der majorisierten Gesellschaft, die als explizit erwünschte Spender*innen die Markierungen in den Fragebögen lesen und dies mit der Adressierung an potentielle Spender*innen afrikanischer Herkunft verbinden. Gleichzeitig weisen Bestände von biogenen Registern, die spezifisch für die Behandlung von Menschen afrikanischer Herkunft grundlegend sind, bedeutende Lücken oder gar Mängel auf. Kritik am Weiterwirken rassistischen medizinischen Wissens wird im europäischen Raum am stärksten im Vereinigten Königreich (UK) formuliert. Menschen afrikanischer Herkunft finden in der entsprechenden Stammzellspenderdatei (Knochenmarkspenderdatei) disproportional zur weißen Bevölkerung schlechter eine passende Spende. Die Gründe für die Unterrepräsentanz und Unterversorgung in Spenderdateien sind komplex mit rassistisch geprägten sozialmedizinischen, sozialhistorischen Umständen verwoben. Generell muss kritisiert werden, dass bei gewährenden und lebensrettenden Gesundheitsverfahren die spezifische gesellschaftliche Lage von Menschen afrikanischer Herkunft, hier vor allem die Erfahrung rassistischer Dehumanisierung als Stressfaktor, ausgeblendet wird. Bei repressiven medizinischen Deutungen und Gesundheitsverfahren werden Menschen afrikanischer Herkunft, ähnlich wie andere rassistisch dehumanisierte Gruppen (Sinti und Roma, Menschen, die als muslimisch wahrgenommen werden, People of Color) kulturalisiert und zum ‚medizinischen Problem’ gemacht. Im Bereich der psychosozialen Versorgung haben wir Berliner Geschichten hierzu gesammelt: Der Grund für psychische Krisen wird vorschnell entlang einer Pathologisierung der Familienverhältnisse oder der sexuellen Verhältnisse von Hilfesuchenden afrikanischer Herkunft gedeutet. Die Diagnosen ‚aggressiv’ oder ‚hysterisch’ werden überproportional bei rassistisch dehumanisierten Hilfesuchenden ins Spiel gebracht. Hingegen fehlt rassismuskritisches Wissen bei der Gesundheitsversorgung von Hilfesuchenden afrikanischer Herkunft nahezu komplett. Und schließlich lässt der Anteil von Forscher*innen afrikanischer Herkunft in der Transfusionsforschung und in der Hämatologie zu wünschen übrig! Es wäre sinnvoll eine spezifische Sektion des Berufsverbandes (Gesundheitsberufe) für marginalisierte und rassistisch dehumanisierte Professionelle einzurichten und das sichtbar zu machen! Rassismuskritische Forscher*innen und medizinische Professionelle (sowohl minorisierte als auch majorisierte) fehlen! Rassismus muss als krankmachender Stressfaktor endlich ernstgenommen und in Konzeptionen der Salutogenese verankert werden!

Unsere Empfehlung:  

Berliner*innen afrikanischer Herkunft in Gesundheitsberufen in Zahlen!

Menschen afrikanischer Herkunft im Berliner Bildungswesen in Zahlen!

Im Laufe der UN Dekade für Menschen afrikanischer Herkunft 2015 – 2024 sollen unserer Empfehlung nach Zahlen für jedes Ressort der Berliner Verwaltung, wo nicht vorhanden generiert und veröffentlicht werden! Mit dieser Analyse können Partizipationslücken, die Qualität dieser Partizipation (Verteilungsgerechtigkeit, horizontale Verteilung vs. vertikale Verteilung) und Schutzlücken konkreter erfasst werden. Sind Menschen afrikanischer Herkunft in Entscheidungs- und Leitungspositionen vertreten? In welchen Bereichen nimmt ihre Repräsentation erheblich ab? Ein Ziel wäre es, die Solidarität innerhalb dieser marginalisierten Gruppe zu erhöhen und zu fördern, anstatt ihre Isolation voneinander hinzunehmen oder gar zu nähren. Das Gleiche gilt für die Förderung von Solidarität zwischen dieser spezifischen Gruppe und anderen vulnerablen Gruppen im jeweiligen Ressort der Berliner Verwaltung. Durch die Veröffentlichung von Zahlen wird die Sichtbarkeit von marginalisierten Gruppen erhöht. Gleichzeitig werden ihre strukturelle Unsichtbarkeit und das vorhandene Repräsentationsgefälle kritisierbar. Das alles sind unerlässliche Handlungsgrundlagen für die Aufgabenressorts der Berliner Senatsverwaltungen.

Und zum Schluss noch einmal die Frage:

„Wie viel Exklusion kann sich Ihre Institution in unserer pluralen Gesellschaft leisten?“  

In den vielen Gesprächen mit den Berliner Senatsverwaltungen zu ihrer Schutz- und Beteiligungsplicht aller in inklusiven Gesellschaften, waren sämtliche Positionen vertreten. Einige Verwaltungen hatten bereits vor unserer Anfrage ein Problembewusstsein über die in ihrer Institution vorhandenen Barrieren entwickelt und hatten auch schon Ideen bezüglich der Gründe dafür, warum ihre Institution relativ homogen strukturiert ist – zumindest in der vertikalen Verteilung (Gestaltungs- und Entscheidungspositionen). Diese Ansprechpartner*innen weisen schon Ansätze für eine diskriminierungskritische, eine rassismuskritische Verwaltung auf. Sie begreifen Diversität und Diversifizierung als eine sukzessive, barrierenkritische Transformation von sozialen Räumen. Sie arbeiten ansatzweise bereits im Modus von „Fix The Institution“. Sie sind bestrebt die institutionelle Verantwortlichkeit für die Gestaltung einer gerechten und inklusiven Gesellschaft konkret werden zu lassen! Zu unserer Besorgnis verharrt jedoch ein Teil der Berliner Verwaltung noch im Modus von „Fix The Excluded“. Sie gehen davon aus, dass exkludiert werden daran liegt, dass sich die Exkludierten nicht im (fairen) Wettbewerb durchgesetzt haben. Sie verknüpfen Teilhabe sehr eng mit dem, was sie als ‚Qualität’ deuten. Für sie setzt sich Qualität automatisch durch. Diejenigen, die exkludiert werden, sind infolgedessen aufgrund ihrer Mängel an Qualität in ihrer Institution abwesend. Sie sehen ihre Aufgabe vor allem darin, die Exkludierten ‚anpassungsfähig‘ zu machen, ‚fit zu machen’ in exklusiven Institutionen trotzdem Eingang zu finden. Das ist ernüchternd, zumal ihnen oftmals gar nicht bewusst ist, wie wenig sie von Prozessen der Exklusion und von den konkreten Lebenslagen (Diskriminierungsrealität und entwickelten Resilienz) der Exkludierten selbst wissen. Jedoch liegt die Verantwortung, eine gleichstellungsorientierte und inklusive Gesellschaft zu gestalten, im Wesentlichen in den Händen von öffentlichen Institutionen. Diese können durch demokratische Innovationen so viele Gesellschaftsmitglieder -wie jeweils möglich- beteiligen und sie müssen ihnen zudem bei der Realisierung ihrer Teilhabe zudem effektiven Schutz gewährleisten.

Der vollständige Abschlussbericht zum Konsultationsprozess „Die Sichtbarmachung der Diskriminierung und sozialen Resilienz von Menschen afrikanischer Herkunft“, im Rahmen der UN Dekade für Menschen afrikanischer Herkunft 2015-2024, wird auf der Website der LADS im ersten Halbjahr 2019 veröffentlicht.

 

Ein falsches Signal, in einem entscheidenden Zeitfenster!

by Maisha Auma
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- Saraya Gomis verlässt die Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie zum Ende des Jahres -

Ende 2016 wurde Saraya Gomis zur Antidiskriminierungsbeauftragten für Berliner Schulen. Positive Reaktionen auf diese innovative Entscheidung erreichten uns aus der ganzen Bundesrepublik, aus dem deutschsprachigen Raum, sogar darüber hinaus, transnational, im Zusammenhang von German und Cultural Studies! Alle gratulierten Berlin zu diesem mutigen und notwendigen Schritt! Die erste und noch immer einzige Antidiskriminierungsbeauftragte für Schulen in ganz Deutschland! Die erste Schwarze Frau in einer Leitungsposition in der Berliner Senatsverwaltung! Kaum drei Jahre danach scheint eine konstruktive Einigung über Ziele, Inhalte und Profil dieses wichtigen Aufgabenbereichs gescheitert. Wir sind entsetzt, entmutigt und sehr besorgt! Das wissenschaftliche Team Diversifying Matters, eine Fachgruppe der ältesten feministischen Selbstorganisation der Schwarzen Community Deutschlands, hat gerade letztes Jahr (2018) einen Konsultationsprozess im Rahmen der ‚Internationalen UN Dekade für Menschen afrikanischer Herkunft 2015-2024’ durchgeführt. Dieser konsultative Prozess wurde im Auftrag der Berliner Senatsverwaltung, unter Federführung der Landesstelle für Gleichbehandlung, gegen Diskriminierung (LADS) in Auftrag gegeben. Ein zentrales Ergebnis des Berliner Konsultationsprozess „Sichtbarmachung der Diskriminierung und sozialen Resilienz von Menschen afrikanischer Herkunft“, ist die Zentralität von Diskriminierungserfahrungen im Bildungswesen:

„Die verheerende Wirkung rassistisch verfasster Marginalisierungsprozesse wird im Bildungswesen nicht anerkannt und bleibt folglich unbearbeitet. Bildung wurde aus der Sicht von Menschen afrikanischer Herkunft in Berlin als der Bereich benannt, in dem beinahe täglich stark verletzende Missachtungsformen stattfinden. Bildung wird zugleich aber auch als Ort der Transformation von Kapitalien und aus der Sicht von Menschen afrikanischer Herkunft in Berlin als Tor zu sozialer Mobilität, eingeschätzt. Um diesem hohen Potenzial der Gleichstellung überhaupt gerecht werden zu können, müssen sich Berliner Bildungsinstitutionen und die in ihnen tätigen Akteur*innen aus unserer Sicht eingehend mit rassismuskritischer Kompetenzbildung befassen.“

Die ‚Postmigrantische Generation’ ist unsere neue Realität, nicht nur in der hyperdiversen Stadtgesellschaft Berlins, sondern auch in Frankfurt am Main, Stuttgart, Düsseldorf, Köln, Hamburg und Bremen. In der Altersgruppe bis sechs Jahren, beträgt der Anteil postmigrantischer Kinder in Berlin bereits 48 Prozent. Berlin liegt dabei nur an neunter Stelle im Bundesdurchschnitt! In Frankfurt am Main haben 55 Prozent der Kinder in der Altersgruppe von ein bis sechs Jahren einen Migrationshintergrund. In den anderen deutschen Großstädten, wie Köln, München und Stuttgart beträgt der Migrationshintergrund der jüngsten Altersgruppe der unter Sechsjährigen bereits mehr als die Hälfte. Eine diversitätsorientierte und diskriminierungskritische Bildungspolitik für diese neue ‚Postmigrantische Generation’ zu konzipieren und zu implementieren bedarf einer umfassenden rassismuskritischen Kompetenzbildung!  

Diversitätsorientierung ist keine eindimensionale plakative Einzelaktion, sondern ein langwieriger Mainstreamingprozess mit vielen Höhen und Tiefen, begleitet von Kontroversität und inneren und äußeren Widerständen. Uns scheint, die Berliner Senatsverwaltung gibt dem Prozess nicht den notwendigen Rückhalt. Uns scheint, dass die Senatsverwaltung eingeknickt ist, gleich nachdem die ersten Widerstände gegen eine grundlegende rassismuskritische Qualifikation aufgetaucht sind. Es ist ein falsches Signal, die rassismuskritische Einrahmung von Antidiskriminierungsarbeit aufzugeben und mit weniger machtkritischen Zugängen zu ersetzen. In unserem Verständnis bedeutet Teilhabe, der konsequente Einbezug von marginalisierten Communities in allen für sie relevante Belange. Die vulnerablen Communities Berlins haben äußerst konstruktiv mit Saraya Gomis zusammengearbeitet, dass bringt uns zu der Frage, ob die Senatsverwaltung diese Communities gar nicht repräsentieren will?

Die mutige Entscheidung Berlins eine Antidiskriminierungsbeauftragte für Berliner Schulen einzurichten und diese mit einer hochkompetenten und starkvernetzen Schwarzen Lehrerin zu besetzen, sollte ein Auftakt sein. Diese partizipatorische Innovation haben wir im Abschlussbericht des Berliner Konsultationsprozesses hervorgehoben. Wir sind daher sehr besorgt über diese Entwicklung! 

Wir fordern die Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie auf

1) Die rassismuskritische Qualifikation ihrer Mitarbeiter*innen, vor allem auf der Leitungsebene zu sichern.

2) Die Ergebnisse der Zusammenarbeit mit Frau Gomis für die diskriminierungskritische Schulforschung freizugeben, damit die marginalisierten Communities dieses Wissen zur Konzipierung von Schutzstrategien verwerten können.

3) Eine unabhängige Ombudsstelle „Diskriminierungskritische Schulberatung – Monitoring und Beschwerdemanagement“ einzurichten unter Einbeziehung der Expertise von Frau Gomis und von marginalisierten Communities in Berlin. 

Community PARTY am 21.12.2018 !!! Zum Abschluss des Berliner Konsultationsprozesses im Rahmen der UN Dekade ‚Black Berlin’

by Maisha Auma
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S.A.V.E. T.H.E. D.A.T.E.           *****   *****   *****               S.A.V.E. T.H.E. D.A.T.E.

 

21.12.2018

 

!!!!! Community PARTY !!!!!

zum Abschluss des Berliner Konsultationsprozesses

im Rahmen der UN Dekade ‚People of African Descent’

(März – Dezember 2018)

 

Community Event WdK
Community 101

 

Liebe Berliners of African Heritage, 

 

nun ist der Berliner Konsultationsprozess „Sichtbarmachung der Diskriminierung und der sozialen Resilienz Schwarzer Menschen in Berlin“ im Rahmen der UN Dekade ‚People of African Descent’ 2015 – 2024" zu Ende. 

 

Seit März haben wir uns getroffen, in Arbeitsgruppen recherchiert, systematisiert und unsere kollektive Erfahrung geschichtlich eingebunden. Wir haben in verschiedenen Veranstaltungen unsere Ergebnisse zusammengetragen und schließlich in einer öffentlichen Senatsanhörung diese vorgestellt.

 

Für euer Interesse, eure Unterstützung und Zusammenarbeit möchten wir uns ganz herzlich bedanken. Wir möchten gemeinsam mit euch unsere Arbeit, Netzwerke, Empfehlungen und Visionen Revue passieren lassen und diese miteinander feiern. Dazu laden wir euch herzlich ein:

 

Lounge * Film * Kinderbetreuung * Live Music * Party

 

 

!!!!!!Featuring SHAVU

Mit unserem Theme-Song des Konsultationprozesses

“Never Give Up” !!!!!!

 

 

Wann:            21.12.2018; 17:00 – 00:00 Uhr

Wo:     Begine – Treffpunkt und Kultur für Frauen,

             Potsdamer Str. 139, 10783 Berlin

            http://www.begine.de/

 

             Black and POC of all Genders and  Post_Genders Welcome : wie immer *********

             Unsere Community Party ist ein Safer Space für Schwarze Frauen, Schwarze Trans* und Inter* Aktivist*innen, unsere POC Geschwister sind wie immer herzlich willkommen. Please respect the Space and Have Fun.
Wir freuen uns sehr auf Euch.

Happy (Jahres)Abschluss, bleibt warm!  

Solidarische Grüße

vom wissenschaftlichen Team Diversifying Matters@Generation Adefra,

 

Maisha, Katja und Peggy! 

 

Selbstverständnis des Konsultationsprozesses:

Alle Veranstaltungen, Diskussionsforen, Arbeitsgruppen und andere Formate während und für die UN-Dekade für Menschen Afrikanischer Herkunft sind als Raum für Menschen Afrikanischer Herkunft konzipiert. Wir bitten diese kollektive Selbstbezeichnung und die damit verbundenen Räume zu respektieren.

 

Für unsere Abschlussparty möchten wir ganz ausdrücklich den Raum für People of Color, unsere Bündnispartner*innen, öffnen!